Hintergrund

Die Zeit, in der wir leben ist überkomplex, voller Widersprüche und Krisen. Die sogenannte zivilisierte Welt beutet (ohne dass sich ihre Bevölkerung dessen wirklich bewusst wäre) seit Jahrhunderten die Erde und den Menschen (auch sich selbst) aus und es bleiben, auf der einen Seite Zerstörung und Hunger, auf der Anderen Depression, Entfremdung und Vereinzelung. Die Mechanismen dieser Ausbeutung sind tief im Bewusstsein, in den mentalen und emotionalen Infrastrukturen, verankert.

Viele Menschen versuchen dem Widerstand zu leisten; durch radikale Selbstkritik und -transformation, Aktivismus, Aufbau neuer Strukturen und dem Versuch das System von innen zu verändern. Doch diese Wege sind steinig und voller Gefahren, die eigene Kraft zu schnell aufzubrauchen, u.a. weil Gruppenprozesse in Kollektiven, Initiativen, Vereinen oder anderen (politischen/emanzipatorischen) Organisationen häufig mehr Kraft rauben als sie geben.

Einer der Gründe mag darin liegen, dass ein Großteil des sozialen Miteinanders uns in unserer Sozialisation – in Schulen, Univeristäten, Vereinen, Organisationen, Familien etc. – nicht ermöglicht, uns mit all unseren Gefühlen, Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen zu begegnen. Vielmehr werden wir innerhalb einer kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft dazu erzogen und sozialisiert bestimmten Rollen zu entsprechen, im System „zu funktionieren“ und uns als „unser eigenes Glückes Schmied“ allein gegen die Konkurrenz durchzukämpfen. Immer mehr Menschen spüren diese Diskrepanz zwischen dem was sich aus ihnen heraus ausdrücken will und den Zwänge ihrer Rollen in der Gesellschaft.

Es gibt eine Sehnsucht nach ehrlichen und offenen Begegnungen und Beziehungen, die es ermöglichen sich Selbst im Anderen zu entdecken und sich ausdrücken zu können ohne dabei verurteilt oder bewertet zu werden. Eine solche Form des sich-aufeinander-beziehens könnte nicht nur für das individuelle Glück von großer Bedeutung sein, sondern genauso für gelingende und emanzipatorische Formen von Gruppe, Gemeinschaft, Gesellschaft…

 


 

Der Erfahrungsraum als Grenzbereich zwischen (politischer) Bildung, Therapie und spiritueller Entwicklung:

1. als Bildungsangebot:

Der Erfahrungsraum schafft einen Rahmen, in welchen Menschen durch verschiedene Zugänge (Dialog, Bewegung, Musizieren, …) in einen gemeinsamen Lernraum treten um den eigenen Körper und Geist und sein Gewordensein im Kontext von Gesellschaft und Mitwelt zu erkunden und kritisch zu beleuchten. Die Erfahrungsräume sind dabei als politisch zu verstehen, da sie einen gesellschaftskritischen und emanzipativen Zugang verfolgen. Sie zielen darauf ab, dass die Teilnehmenden neue Ideen, Deutungsmuster, Kraftquellen und Handlungsmöglichkeiten entwickeln können um sich gegen innere und äußere Machtstrukturen – die bspw. durch Kapitalismus und Patriarchat (häufig unbewusst) in den eigenen Köpfen, Gruppen und Bewegungen sowie in den staatlichen Institutionen wirken – besser zur Wehr setzen zu können.

2. als therapeutischer Raum:

in welchem Menschen, durch gemeinsames erkunden und ausdrücken der inneren Welten und gegenseitiges Spiegeln, die eigenen Ängste, Sehnsüchte und Muster besser kennen lernen, verstehen, und neue Handlungswege erfahren können. Gewisse Momente lassen sich als eine – zum Teil ungewöhnliche – Art gruppentherapeutischer Interaktion verstehen, welche auf herrschaftsfreie Weise begleitet wird. Das bedeutet, dass der durch die Facilitator*innen getragene Raum dazu einlädt, in den Ausdruck des inneren Erlebens zu gehen (sei es durch Bewegungen, Laute, Musik, Sprache …) und dadurch mit den eigenen Ängsten, früheren negativen Erfahrungen oder auch Wünschen konfrontiert zu werden, um das erlebte in einem zweiten Schritt betrachten und integrieren zu können. So können alte Gefühle ausgedrückt und integriert werden, alte Denk- und Handlungsmuster erkannt und neue Ausdrucksweisen (in Sprache, „Spiel“, Musik, Körper) erkundet werden, um neue Handlungsspielräume zu entdecken und in das eigene Leben zu übertragen.

Solche Prozesse finden auf sehr unterschiedliche Weisen statt, mit vielen Lauten und Bewegungen oder in der Stille, in 2er-Konstellationen oder als Gruppendynamik, spontan und improvisiert oder verabredet, …

3. als mystischer Raum:

in welchem sich gemeinsam auf eine spirituelle Suche begeben wird… Was weist über uns hinaus? Was verbindet uns miteinander und mit unserer Mitwelt? Gibt es ein Netz des Lebens, welches wir wahrnehmen und erfahren können? Reicht unser Wahrnehmungsvermögen über die fünf Sinne hinaus? Können wir „Fäden“ zwischen uns als Menschen wahrnehmen? Was hat Non-Dualität damit zu tun? Flow? Weniger über die Sprache als über Musik, Gesang und Bewegung, welche im intuitiven Spiel Dynamiken entstehen lassen, die auf solche Fragen eine Erfahrungsgrundlage bieten, nähert sich jede*r auf seine/ihre Weise einer Welt an, die sich als spirituell oder mystisch bezeichnen lässt, und die im gemeinsamen Austausch beschrieben und weiter erkundet werden kann. So werden Überschneidungen und Unterschiede im jeweiligen Erleben sichtbar.

Eine – hier angestrebte – herrschaftsfreie spirituelle Praxis sucht dabei nicht nach einer Wahrheit, sondern nach Metaphern für die jeweils erfahrenen Phänomene, um das individuelle Verstehen der eigenen Erfahrungen zu unterstützen. Zugleich versucht sie offen und gespannt darauf zu sein, wo sich unsere Metaphern überschneiden und ob diese Überschneidungen sich mit der Zeit erweitern. Diese drei Ebenen lassen sich intellektuell eindeutig voneinander unterscheiden, sind in den jeweiligen Rahmen und Momenten meist jedoch nicht voneinander zu trennen, sondern fließen ineinander über, wirken interdependent miteinander und können nur im eigenen inneren Erleben jeweils auseinander genommen und wieder zusammen gefügt werden.